Wir verlieren die Erde: Das Jahrzehnt, als wir beinahe den Klimawandel stoppten

Von Nathaniel Rich

Fotos und Videos von George Steinmetz, 1. Aug. 2018, The New York Times Magazine

Anmerkungen des Herausgebers

Dieser Artikel von Nathaniel Rich befasst sich als historische Aufzeichnung mit einem Zeitraum von 10 Jahren, von 1979 bis 1989: das entscheidende Jahrzehnt, als die Menschheit zum ersten Mal ein umfassendes Verständnis für die Ursachen und Gefahren des Klimawandels erlangte. Der Text wird ergänzt von einer Reihe von Luftaufnahmen und Videos, die sämtlich von George Steinmetz im vergangenen Jahr aufgenommen wurden. Dieser zweiteilige Artikel basiert auf einer 18monatigen Recherche und mehr als 100 Interviews, und wurde unterstützt vom Pulitzer Center. Er beschreibt, wie eine kleine Gruppe amerikanischer Wissenschaftler, Aktivisten und Politiker versuchte, Alarm zu schlagen und die Katastrophe zu verhindern. Vielen Lesern wird er eine Offenbarung sein – eine schmerzliche Offenbarung – wenn sie beginnen zu verstehen, wie gründlich diese das Problem verstanden und wie nahe sie der Möglichkeit kamen, es zu lösen. Jake Silverstein.

Prolog

Die Welt hat sich seit der industriellen Revolution um mehr als ein Grad Celsius erwärmt. Das Abkommen von Paris – der unverbindliche, nicht einklagbare und bereits jetzt auf taube Ohren stoßende, am Earth Day 2016 unterzeichnete Vertrag – hoffte, die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Die Chancen, dies zu erreichen, liegen nach einer neuen Studie, die auf den derzeitigen Emissionen basiert, bei 1 zu 20 (Anm. d. Übers.: d.h. bei 5 %). Sollte es uns wie durch ein Wunder gelingen, die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssen wir nur mit dem Absterben der tropischen Riffe der Welt sowie einem Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern zurechtkommen und den Persischen Golf verloren geben. Der Klimawissenschaftler James Hansen hat eine zwei-Grad-Erwärmung als „ein Rezept für ein langfristig einsetzendes Desaster“ beschrieben. Das langfristige Desaster ist nun das bestmögliche Szenario. Eine drei-Grad-Erwärmung ist ein Rezept für ein kurzfristig einsetzendes Desaster: Wälder in der Arktis und der Verlust der meisten Küstenstädte. Robert Watson, ein früherer Direktor des IPCC (Weltklimarat) ist der Meinung, dass eine drei-Grad-Erwärmung das realistische Minimum ist. Vier Grad: Europa in einer Dauerdürre, große Teile Chinas, Indiens und Bangladesch in Wüsten verwandelt, Polynesien vom Meer verschlungen, der Colorado River zu einem Rinnsal getrocknet, der Südwesten Amerikas größtenteils unbewohnbar. Eine fünf-Grad-Erwärmung, so warnen einige der führenden Klimaforscher der Welt, wäre das Ende der menschlichen Zivilisation.

Ist das Wissen, dass wir all das hätten vermeiden können, ein Trost oder ein Fluch?

Denn in dem Jahrzehnt von 1979 bis 1989 hatten wir eine ausgezeichnete Chance, die Klimakrise zu lösen. Die wichtigsten Mächte der Welt standen kurz vor der Unterzeichnung eines verbindlichen globalen Rahmenwerks zur Reduzierung der Kohlendioxidemissionen – viel näher als wir diesem Schritt jemals wieder gekommen sind. Während jener Jahre konnten die Bedingungen nicht besser sein. Die Hindernisse, die wir für unsere derzeitige Untätigkeit ins Feld führen, waren noch nicht aufgetaucht. Beinahe nichts stand uns im Weg – nichts, außer wir selbst.

Dies ist die Übersetzung der ersten Absätze eines am 1.8.2018 in New York Times Magazine erschienen Artikels, der hier im Original abgerufen werden kann. Er ist damit nur einer in einer Reihe von neueren Publikationen (z.B. vom PIK), deren Warnungen immer lauter werden, und die allesamt keinerlei der Situation angemessene Reaktionen oder gar Handlungen auslösen.

Uns stand fast nichts im Weg – außer wir selbst