„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Der Kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry)

Wir haben einen endlosen, blauen, sonnigen Sommer hinter uns. Der Herbst war golden. Die Weinlese so früh wie nie, die Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume bogen sich auf den Boden und brachen unter ihrer Fülle. Vielerorts blieben die Früchte auf dem Boden liegen – so viel konnte gar nicht Verwendung finden. Lange Abende auf der Terrasse, mediterrane Temperaturen, keine Wolke störte am Horizont.

Himbeeren und Tomaten bekamen Sonnenbrand. Die Getreideernte fiel um ein Viertel geringer aus. Ich kam mit dem Gießen nicht mehr nach, setzte Prioritäten, was sollte überleben, was war nicht so wichtig. Zum Beispiel der Kirschbaum, den wir nach der Geburt meiner Enkelin vor 2 Jahren gepflanzt hatten, bekam immer eine Extraportion Wasser. Er ist noch zu jung. Weil die Dürre auch jetzt im Herbst kein Ende nimmt, führen nun die tieferen Bodenschichten bis 1,8 Meter Tiefe kaum noch Wasser. „Es fehlen hunderte Liter Wasser auf jedem Quadratmeter“, so die Aussage des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung.

Auch meine Enkel sind zu jung für diese dramatischen Klimaveränderungen, ja sogar meine Kinder sind zu jung für die rasend schnelle Entwicklung, für ein Klima, das sich buchstäblich vor unseren Augen verschlechtert. Reale Bedrohungen werden nicht Jahrhunderte auf sich warten lassen, sie sind schon da, 2040 werden wir weltweit durchschnittlich 1,5°C erreicht haben. Mit massiven, gravierenden und weitreichenden Folgen. Bis 2100 rechnen manche sogar mit 3°C und mehr – womit wir uns der Grenze für menschliches Leben auf diesem Planeten nähern.

Wir drehen nicht an kleinen Wetter-Schräubchen, wir schrauben an richtig großen Klima-Rädern. Wir schrauben am Golfstromsystem, das unser fruchtbares, gemäßigtes Klima sicherstellt, und am Jetstream, der, solange er funktioniert, immer wieder zu Wetteränderungen führt, wir tauen die Arktis (Meeresspiegelanstieg) und den Permafrostboden auf (Methanfreisetzung und massive Beschleunigung der Erderwärmung), wir holzen die Urwälder am Amazons ab (unsere grüne Lunge). Wir übersäuern die Meere (unsere Nahrung). Wir verändern den Planeten Erde in gravierender Weise und wundern uns, dass er nicht so mitspielt, wie wir das von ihm erwarten. Dass er ein lebender Organismus ist, dessen innere Abhängigkeiten und Mechanismen wir längst nicht alle kennen. Dass er reagiert, auf das, was wir ihm antun, und manchmal ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Was müssen wir also wieder sehen?

Wir müssen wieder sehen, dass wir nicht alles tun sollten, was angeblich geht, dass unser Handeln Folgen hat, für uns, für die Menschen, die nach uns kommen, für die Erde. Ein T-Shirt für 5 Euro ist schlicht nicht möglich, auch wenn ich es kaufen kann. Ein Flug nach London ist nicht für 25 Euro machbar, auch wenn ich ihn zu diesem Preis buchen kann. Fleisch kann nicht so billig sein, wie es häufig angeboten wird. Immer verliert jemand, wenn wir etwas gewinnen. Es gibt keine Gewinner ohne Verlierer. Auch wenn uns die Werbung sehr geschickt etwas anderes einreden möchte. Geiz ist nicht geil, Geiz ist ein Zeichen von Egoismus oder Dummheit oder beidem. Haben macht nur sehr kurzfristig glücklich, das ist der Grund, warum wir immer wieder etwas Neues haben wollen. Würde uns etwas langfristig glücklich machen, bräuchten wir nicht bald etwas anderes.

Noch einmal Der Kleine Prinz: „Man versteht nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, um etwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Da es aber keine Läden für Freunde gibt, haben die Menschen keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, dann zähme mich!“

An anderer Stelle heißt es statt „zähmen“ „vertraut machen“. Die Menschen „kaufen sich alles fertig in den Geschäften.“ Wir empfinden keine Verbundenheit und Verantwortung mehr mit unserer Erde, sie ist zum Mittel für unsere Zwecke geworden. Wir müssen Verantwortung übernehmen, um zu erkennen, was ihr fehlt, was falsch läuft, was sie braucht, damit sie uns auch zukünftig auf ihr leben lässt. Wenn wir die Erde zum Freund haben wollen, müssen wir sie uns wieder vertraut machen.

Um einen anderen, ähnlichen Satz zu zitieren: Die Erde ist uns nur geliehen – für die Dauer unseres Lebens. Unter der Voraussetzung, dass wir gut auf sie aufpassen und unversehrt an die nach uns Kommenden weitergeben. Wir sind nur Gäste auf dieser Erde, wir sollten uns wie Gäste verhalten.

Was macht uns also langfristig glücklich? Sinn finden, in dem, was ich tue, wenn ich für meine Nächsten sorge, sie liebe und mich dafür einsetze, dass sie ein gutes Leben haben. Ein zufriedenes Sein macht glücklich. Die Gewissheit, dass es auch wieder regnet – letzten Endes ist es das, was uns den blauen Himmel genießen lässt.

Zeit der Besinnung